Autor/in; Hrsg: Cierpka, Manfred
Titel: Möglichkeiten der Gewaltprävention
LZ 2710
Auf gut 200 Seiten gibt dieses Buch eine Übersicht über das Thema Entstehung und Prävention von Gewalttendenzen. Es beginnt mit einem Überblick über die Begriffe, so wird Gewalt nicht nur recht klar definiert („Gewalt ist ein körperlicher Akt, der mit der Absicht ausgeführt wird, einen anderen zu verletzen"), es wird auch eine Übersicht über Formen und Häufigkeiten gegeben. Bei diesen allerdings wird von der eben gegebenen Definition gleich wieder abgewichen und psychische Gewalt aufgezählt. Die Entstehung von Gewalt wird in einem Risiko-Modell abgebildet. Kurz gesagt sind die Erziehungsdefizite die in benachteiligten Gesellschaftsschichten durch instabile Verhältnisse, psychische Belastung der Eltern und schlechte ökonomische Ausgangslagen mehrheitlich die Ursache für die Gewalttendenzen, auch die Umgebung (Peers) und genetische Voraussetzungen im Kind leisten einen Beitrag. Die frühe Interaktionsmatrix zwischen Kind und Pflegeperson ist der Ort in dem das affektive Klima in der Familie der frühen Kindheit auf die Zukunft des Kindes Einfluss nimmt, hier wird die jüngere Säuglingsforschung zitiert um den Mechanismus der Übertragung des Klimas in der Familie auf das Kind zu erklären.
Empathiestörung
So nach Lichtenberg: er unterscheidet Vordergrund und Hintergrund der Interaktion. Im Vordergrund sind die einzelnen (manchmal befriedigenden, manchmal frustrierenden Sequenzen), im Hintergrund die generelle Haltung der Eltern zum Kind, die sich über die Sequenzen hinaus bildet und einen generell entspannenden oder spannungsreichen Hintergrund bietet, also Sicherheit oder eben nicht. Für die Ausbildung von Aggressionstendenzen ist so eine spannungsreiche Situation verantwortlich, die eine Störung der Empathiefähigkeit bewirkt. Solche Kinder können das Verhalten anderer schlechter interpretieren und nehmen mangels besserer Information fremdes Verhalten eher als feindselig wahr, wodurch sie selber rasch auch feindselig werden. Die Reaktion der Umwelt ist dann ablehnend, was auf das negative Selbstbild wirkt und die Vermutung der schon vorher verzerrt wahrgenommenen Feindseligkeit scheinbar bestätigt.
Bindungsstörung
Die Affekte und Emotionen dienen der Abstimmung unter den Menschen. Sie werden in der ersten Beziehung gelernt. Mutter Kind Dyade - minütliche intuitive Abstimmung der Empfindungen, Attunement (Stern). Im positiven Fall entsteht das Gefühl verbunden zu sein. Eltern sind dazu in der Lage, weil sie intuitiv in der Lage sind, ihre eigenen Kindheitserinnerungen zu benutzen um sich in das Gefühl ihres Kindes einzufühlen. Wenn die Hintergrundbeziehung tragfähig ist, bewirkt die übertriebene (und konsistente) Spiegelung von Affekten durch die Mutter die Entstehung der Empathiefähigkeit im Kind (Gergely). Sind die Eltern nicht einfühlend genug, so vermeiden Kinder das Empfinden von Emotionen. Es geht ihnen damit auch das Repertoire für die Abstimmung in intimen Beziehungen verloren. Das führt dann nicht nur zur eigenen Tendenz Richtung Aggression sondern auch zur Reproduktion dieser Phänomene bei den eigenen Kindern. Die Bindungsforschung stellt folgende Faktoren als Prädiktoren für eine sichere Bindung fest: Feinfühligkeit, Synchronizität, Kooperation, Wechselseitigkeit, Unterstützung, Körperkontakt, Stimulation, gute Einstellung zum Kind. Feinfühligkeit ist (Fonagy) eine reflexive Funktion, die folgende Aspekte enthält:
. sich und andere als denkend und fühlend realisieren
. die Reaktion anderer zu antizipieren
. die Perspektive anderer übernehmen zu können
. die Veränderung von inneren Zuständen und deren Folgen reflektieren zu können.
In spannungsreichen Situationen orientieren sich aggressive Personen üblicherweise rasch, aber mit charakteristischen Wahrnehmungsverzerrungen (kognitive und emotionale Fehlattribuierung). Dazu verfügen sie nur über wenige Handlungsalternativen und sind äußerst rigide in ihren Interpretationsmustern.
Bindungsverhalten ist bei Menschen erwiesenermaßen biologisch vorgesehen, wenn es nicht erwidert wird wurden auch schon biologische Folgen festgestellt (Bindungsverhalten triggert eine DNA-Sequenz, die wieder die Produktion eines Rezeptorprotein ständig etabliert, das bei der Stressverarbeitung eine Rolle spielt). Eine Meta-Analyse über Studien zu den Folgen früher Einwirkung von Stressoren erlaubt sogar die Zuordnung bestimmter Persönlichkeitsstudien zu bestimmten Formen von Stressoren in der Kindheit (auf S. 48 nach Johnson 2005), durch Auskünfte über den Zusammenhang von bestimmten Störungen zu Kriminalität (Kohortenstudie) ergibt sich eine Folgerung auch dafür: Steigerung des Problematischen Verhaltens in der Gruppe derer, die mehrere Stressfaktoren in der Kindheit zu verdauen hatte um das 5 bis 7-fache.
Zur Frage wo kann man präventiv wirken: Die soziale Informationstheorie von Lemerise und Arsenio beschreibt, wie neben kognitiven Prozessen die emotionalen Prozesse das soziale Verhalten steuern. Soziale Kompetenz entsteht durch dieses Zusammenspiel. Der Prozess der sozialen Informationsgewinnung nach diesen Autoren wird dargestellt und an den einzelnen Schritten wird die Möglichkeit von Interventionen erörtert.
So weit wir wissen hängen alle groben Persönlichkeitsstörungen mit schweren Schädigungen in der Kindheit zusammen. Die Emotionen werden so nicht zu dem sozialen Steuermedium das sie sein können und führen sogar zu problematischem Verhalten. Daher ist Prävention, die sich an die Bedingungen der frühen Kindheit richtet äußerst sinnvoll.
Misshandlung, sexueller Mißbrauch und Vernachlässigung müssen verhindert werden um diese groben Defekte zu vermeiden. Cierpka zeigt im Überblick die Stellen im Prozess des sozialen Agierens wo verbessernd eingegriffen werden kann und referiert dann Interventionsmodelle, die erfolgreich in die Welt der frühen Kindheit eingreifen. Eltern-Kind Programme, "ökologische" Ansätze, ua, alle wären einer näheren Betrachtung wert. Die Effektstärken liegen weit über denen der Betreuung der Erwachsenen.
Nicht recht verständlich ist, was mit ökologisch gemeint ist. „Im Grunde bestehen sie aus einem Mix von Interventionen auf verschiedenen Ebenen" Mit dieser Auskunft kommt man nicht recht weiter. Hier wäre schon was konkreteres wünschenswert. Konkret allerdings sind die Beschreibungen von Modellen, die in den weiteren Artikeln des Buches vorgestellt werden. Das Modell „STEEP" (Steps Towards Efficient, Enjoyable parenting
www.steep-training.de <
http://www.steep-training.de> und
www.gerhard-suess.de <
http://www.gerhard-suess.de>) etwa, das eine Elternberatung, adaptiert von einem US-Vorbild umsetzt mit dem Ziel die Feinfühligkeit der Eltern dem Kind gegenüber zu steigern. Mit Videobändern wird sowohl gutes Verhalten vorgezeigt als auch das der TeilnehmerInnen reflektiert, kommentiert, geübt und verbessert. Siehe auch:
www.focus-familie.de <
http://www.focus-familie.de> Das australische Triple P (
www.triplep.de <
http://www.triplep.de>) Projekt und seine deutschen Nachahmer werden vorgestellt, das FAUSTLOS Programm aus Nürnberg-Erlangen, ein Programm zur systematischen Stärkung von Elternkompetenzen namens „Freiheit in Grenzen" von Schneewind (
www.freiheit-in-grenzen.org <
http://www.freiheit-in-grenzen.org>)
Ein gutes Buch wenn man sich mit der Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit von Präventionsprogrammen beschäftigen will und sie zum Beispiel argumentieren muss. Im Grunde ist die Botschaft recht schlicht: wirklich schwere Persönlichkeitsstörungen sind (wo sie nicht angeborene Defekte sind) fast durchgängig die Auswirkung von Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung in der frühen Kindheit. Wenn wir es schaffen bei problematischen Elternhäusern in die Atmosphäre der frühen Kindheit einzugreifen und den Eltern Hilfestellungen anzubieten bei der Erziehung in den ersten Jahren, dann werden nicht nur die Gewalttendenzen, sondern auch viele andere grobe Folgeprobleme wirksam bekämpft. Der Wirkfaktor solcher Hilfsprogramme auf die weitere Zukunft der Kinder reicht bis auf über 60%, die Programme werden, wenn sie gut angeboten sind gerne angenommen und bringen vergleichsweise zu später einsetzenden Maßnahmen riesigen Erfolg. Wo wir also in der Arbeit auf werdende Eltern stoßen ist es zumindest einen Versuch wert so ein Programm für sie verfügbar zu machen.