Martin Dornes: Die frühe Kindheit

Dornes, der vor einigen Jahren mit seinem Buch über die Säuglingsforschung ("Der kompetente Säugling") einen guten Überblick über die wesentlichen Ergebnisse dieser jungen Disziplin und die möglichen Schlußfolgerungen geboten hat, legt nun ein Buch über die "Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre" (Untertitel) vor. Die Ergebnisse der empirischen Säugligsforschung haben umfangreiche Diskussionen in der Psychoanalyse ausgelöst. Diese war bisher die einzige Wissenschaft, die ein Bild vom seelischen Innenleben des Säuglings entworfen hatte, allerdings ein Bild das fast ausschließlich durch Rekonstruktionen aus den Analysen Erwachsener oder älterer Kinder gezeichnet war. Viele Ergebnisse der Säuglingsforschung widersprachen Annahmen der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie, wie etwa die Annahme einer symbiotischen Phase in der Selbst und Objekt vom Säugling als ungetrennt empfunden werden oder einer autistischen Phase. In seinem neuen Buch erweist sich nun Dornes neuerlich als Autor, der es versteht, die Diskussionen, die in verschiedenen Zeitschriften und einigen Buchpublikationen entbrannt sind, zusammenzufassen und übersichtlich wiederzugeben. Ergebnis ist eine Gesamtschau auf die Entwicklungspsychologie von beiden Seiten her, also sowohl der durch Introspektion gewonnen psychoanalytischen Konzepte als auch der Konzepte die durch empirische Beobachtung entstanden waren. Beide Seiten haben dabei viel durch die Diskussion gewonnen, Margaret Mahlers Theorie etwa, die von der Säuglingsforschung zunächst völlig verworfen worden war, paßt nach geringer Veränderung einiger Annahmen wieder zum Entwurf der Säuglingsforscher und zeigt, daß auch diese nur einen Teil der Realität des Säuglings, nämlich den Teil in dem er sich in einem aufmerksamen Wachzustand befindet, erfaßt hatte. Andererseits bieten die Ergebnisse der Säuglingsforschung für die Bindungs- und Beziehungstheorie in der Psychoanalyse eine willkommene empirische Stütze und dienen so der Verifikation ihrer Aussagen.

Besonders interessant hat Dornes zwei Kapitel gestaltet, deren Thematik mit unserer (Straffälligenhilfe-) Arbeit zusammenhängt: Kapitel 8: Kindesmißhandlung und Kapitel 9: die Entstehung und Entwicklung von Aggression.

Im Kapitel über Kindesmißhandlung berichtet Dornes übersichtlich über die Ergebnisse der Studien zum Bindungsverhalten, die - wenig überraschend - eine desorganisierte Bindung dieser Kinder an die Betreuungsperson belegen (5 bis 18% "sicher gebundene" im Vergleich zu 66% in der Normalpopulation nach der Versuchsanordnung von Ainsworth). Die mißhandelten Kinder wurden später auch wesentlich öfter von Lehrern als aggressiv und feindselig eingestuft als die der Vergleichsgruppe. Langzeitstudien belegen eine Beeinträchtigung der weiteren seelischen Entwicklung, so etwa im Bereich des Sozialverhaltens und der Impulskontrolle, als Folge der mißhandelnden Betreuung in den ersten Jahren. Diese Ergebnisse lassen also vermuten, daß mißhandelte Kinder später auch zu mißhandelnden Eltern werden. Bei den mißhandelnden Eltern wurden eine generelle Übererregbarkeit gegenüber Säuglingen und Kindern, und eine Tendenz zur Zuschreibung negativer Eigenschaften bei Kindern festgestellt. Erfolge von Kindern wurden eher dem Zufall zugeschrieben, Mißerfolge eher dem Charakter des Kindes.

Die Frage nach der Weitergabe von mißhandelndem Verhalten über die Generationen hinweg, also die Frage, wie es Eltern, die in ihrer Kindheit mißhandelt oder vernachlässigt wurden schaffen, diese Mißhandlung nicht an ihre Kinder weiterzugeben, erscheint mir für unsere Arbeit besonders interessant. Untersuchungen zeigen, daß das Ausmaß dieser "transgenerationellen Transmission", die wir oft genug erleben und nicht selten ein Arbeitsinhalt in den Betreuungsbeziehungen ist, davon abhängt, wie sehr die Eltern in der Lage sind, ihre eigene Vergangenheit zu verarbeiten. Die Gruppe der "Nicht Wiederholer" unterscheidet sich von der Gruppe der "Wiederholer" hauptsächlich durch die Fähigkeit, offener und mit angemessener emotionaler Beteiligung von den traumatisierenden Erfahrungen in ihrer eigenen Kindheit sprechen zu können. Außerdem lebten sie häufiger in emotional befriedigenden Beziehungen oder hatten in der Vergangenheit wenigstens eine solche erfahren (anderer Elternteil, Onkel, Tante, Psychotherapeuten etc.). Es handelt sich um einen international an verschiedenen Gruppen und zu verschiedenen Zeiten bestätigten Zusammenhang. Als Resümee schreibt Dornes (S.241)

Es existieren beträchtliche methodische Schwierigkeiten bei der Feststellung, welche Teile des Behandlungsprogramms wirken. Solche Programme umfassen ja nicht nur psychotherapeutische Maßnahmen im engeren Sinn, sondern auch sozialarbeiterische Unterstützung, juristischen Rat, Hilfe bei der Wohnungssuche etc.. (...) Die Subgruppe der vernachlässigenden Eltern ist für Therapie am schwersten zu motivieren und profitiert eher von der materiellen Verbesserung ihrer Lebensumstände, was angesichts der oft ärmlichen Verhältnisse, in denen sie leben, nicht verwundert. (...) Die Psychotherapie der Eltern sollte deshalb über die Durcharbeitung der Konflikte hinaus zwei zusätzliche Aspekte umfassen. Zum einen eine Art korrektiver Bemutterung oder Beelterung der Patienten, die konkrete Bedürfnisbefriedigung wie Telefonanrufe, Hausbesuche und gemeinsame Essen miteinschließt. Zum anderen eine explizite Thematisierung der verzerrten Wahrnehmung der Eltern von ihren Kindern und der Versuch, die Eltern-Kind-Interaktion zu verändern. Erfahrungsgemäß ist es allerdings eher schädlich, den Eltern zu sagen, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen, weil dies oft als Kritik erlebt und mit Behandlungsabbruch quittiert wird. Nützlich hingegen ist nach Auffassung der Autoren, wenn Eltern beobachten können, wie andere, z. B. das Behandlungspersonal, mit ihren Kindern umgehen. Solche Beobachtungen führen, via Identifizierung, gelegentlich zu dauerhaften Verhaltens- und Einstellungsänderungen. (...) Die ökonomischen Kosten der Kindesmißhandlung werden in den Vereinigten Staaten auf Milliarden von Dollar geschätzt, und auch die menschlichen "Kosten" sind enorm. (...) Eine Gesellschaft, die vor diesem Problem kapituliert oder es verdrängt, wird mit der Wiederkehr des Verdrängten in Gestalt von Delinquenz, Drogenabhängigkeit, Aggressivität und Persönlichkeitsstörungen unterschiedlicher Stärke "bestraft" werden." (S.241 - 243)

Diese Passage sehe ich als Bestätigung der Konzepte der Bewährungshilfe in Österreich, wobei ich noch einmal herausstreichen möchte, daß in diesem Fall nicht bloß ein Autor der Meinung ist, daß diese Probleme so bearbeitet werden sollten, sondern, daß empirische Studien die Wirksamkeit und Sinnhaftigkeit solchen Vorgehens belegen.

Im Schlußkapitel versucht Dornes noch die Annahmen und Konstrukte der Psychoanalyse so zu reformulieren, daß sie zu den Ergebnissen der Säugligsforschung passen. Ich habe den Eindruck, daß es in der Gesamtschau gelingt, die Wirksamkeit der psychoanalytischen Arbeit in dieser Sprache wiederzugeben ohne dabei wichtige Prinzipien der Psychoanalyse zu vernachlässigen. Es scheint, als ginge die Psychoanalyse als Wissenschaft eher gestärkt aus dieser Auseinandersetzung hervor, da sie nun über Formulierungen ihrer Wirksamkeit gerade bei Korrekturen von sehr frühen Störungen verfügt, die weitgehend mit empirischem Datenmaterial gestützt werden.

Das Buch von Dornes ist - gemessen an der Komplexität und der Informationsfülle die es bietet - äußerst gut lesbar. Es gelingt ihm eine überarbeitete Neufassung sowohl der psychoanalytischen als auch der empirisch orientierten Entwicklungspsychologie.


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