Philip Roth: Nemesis Ein schöner kleiner Roman von der Kriegszeit in Newark und sonstigen Gebieten New Eglands, als die Polio wütete. Fast ein historisches Stück, das die Zeit vor der Impfung festhält, aber nicht nur, da es wieder um die Fragen der Einzigartigkeit des Schicksals und der Verarbeitung dieser Tatsache geht. Warum ist dem einen dies dem anderen jenes beschieden und wie viel und wenig macht eigentlich das eigene Bemühen aus.
Mayröcker. Ich bin in der Anstalt Nach lägerem Mayröcker - lesen kommt mir jede Einzelheit so vergrößert vor. Dabei schwankt sie selber zwischen: es gibt nichts so Banales als dass man es nicht beschreiben könnte und: man muss inspiriert sein wenn man zu schreiben beginnt. Dabei passt natürlich beides zusammen, das zweite ist aber so ein Anspruch. Sie liest jetzt Agamben, Milorad Pavic, Barthes, Jacques Derrida und - vermutlich über dessen "Glas" - Genet. Viel wieder über ihr Schreiben, diesmal auch über die Klammern und die "usw.". Aber keine Aufklärung, sondern wieder Besprechung. Über Klammern, die geöffnet sind aber sich nicht schließen sagt sie, es ist wie eine Tür hinter sich nicht ganz schließen. Ist aber beim Lesen nicht mein Eindruck. Eher gerät sie im Schreiben aus einer Klammer einfach heraus, oder ein anderes Mal in eine Klammer hinein, die dann geschlossen werden muss ohne explizit geöffnet worden zu sein. Gegen Schluss: "Ich verlerne den Code der mich durch dieses Buch begleitet hat, also musz ich es enden" Ich habe nicht die geringeste Idee worin dieser Code bestehen könnte. "ihr Wortschatz vielgliedrig, alpenhaft, bei verhülltem Sinn gleichzeitig freizügig, direkt" am besten schreibt sie über sich.
Radebold, Bohleber, Zinnecker: Transgenerationelle Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten, 2008 Gutes Buch: Bilder von der Weitergabe der geistigen Hosennaht, Radebold nimmt die Entwicklungsaufgaben nach Erikson und geht den Folgen der Traumen in der Kindheit nach, wenn in diesen Phasen die Entwicklungsaufgaben nicht erledigt werden können. Er gibt auch einen guten Überblick über die sozialen Kriegsfolgen: wie viele Tote, wie viele Witwen, wie viele Halb und Vollwaisen. Nur bei 35 - 40% glaubt er an gar keine Kriegsfolgen. 47. Kellermann geht den Child Survivors nach und konstatiert 6 Folgen, mit denen die Child Survivors leben mussten, die er im Einzelnen dann beschreibt 60f: gelernte Hiflosigkeit, Verlassenwerden und Isolation, unterbrochene Trauer und Verlust, Identitätsprobleme, Gedächtnisverlust und primitive Abwehr. Völter unterzieht dem Begriff der transgenerationellen Weitergabe einer kritischen Betrachtung, insofern der Sache nahcgegangen wird, wie das geht, inwiefern nicht nur die ätere die jüngere Generation beeinflusst, sondern auch ungekehrt und wie als Generationserfahrungen überhaupt hergestellt werden. Es entsteht ein geflecht aus vertikalen (Eltern - Kinder u.u.) Beziehungen und horizontalen (Peers, Geschwister) Beziehungen zu denen diagonale (Bekannte aus der vorigen/nächsten Generation) Beziehungen dazukommen. Alle diese wirken aufeinander. Alle diese sind in der Lage jemand zu prägen und seine psychische Befindlichkeit zu beeinflussen. Bohleber machts wieder genau; zuerst wiederholt er den Traumabegriff (sehr gut 108) Stellt dann dar, wie die Eltern mit dieser Traumaabwehr durch Derealisierung und Verleugnung ihre Kinder beschäftigen. Ihr Bild was ein Kind ist, wie es sein soll, beiinflusst das Kind, weil es dieses Bild übernehmen will, um den Eltern nahe zu sein. Weil die Eltern zur Regulation ihres eigenen Gleichgewichts auch die Kinder verwenden, identifizieren sich die Kinder mit lebensgeschichtlichen Teilen ihrer Eltern, die nicht explizit sind.
Arno Geiger Alles über Sally Geiger schreibt wunderbar, man folgt ihm gern. Trotzdem so ein österreichischer Sog ins schäbige, diese Verachtung der eigenen Freudschaften, allseitige Kriegszustände zwischen Leuten die sich in engsten Beziehunges befinden und sich lieben könnten. Trotzdem schöne Stellen: "Die Welt des Seitensprungs gefiel Alfred nur in der Imagination. Dort war sie voller Poesie, ohne Uhren und Schlafdefizit, mit viel rotem Plüsch. Und Alkohol spielte dort auch keine Rolle. Wenn Alfred in der realen Welt des Seitensprungs landete, stellte sich heraus, dass sie den Gesetzen des Lebens unterstand wie alles andere. Und dass er dort auf das traf, was er am wenigsten an sich mochte, erwies sich ebenfalls als hinderlich: seine Unentschlossenheit, Ängstlichkeit, seine mangelnde Rücksichtslosigkeit und sein Harmoniebedürfnis. Also nahm er immer wieder reißaus und rannte nach Hause zurück."
Paulus Hochgatterer. Das Matratzenhaus Ein krimiähnlich aufgezogener Roman über Missbrauch in der österreichischen Provinz. Der Autor hält den Leser immer hin. Er weiß schon alles, aber er macht nur Andeuungen. Der Leser weiß, aha, er hält mich hin, damit es spannend bleibt. Na gut. Es geht so weit, dass bei fast allen Kapiteln man vorerst absichtlich im Unklaren gehalten wird, um wen es gerade geht. Trotzdem, manches ist einfühlsam geschrieben, manches gibt typisch österreichische Alltagsgeschichten wieder.
Philip Roth: Indignation. Ein Buch das wieder einmal quer durch die Rothschen Themen geht. Koreakrieg. Brutalität und autoritäre Strenge wie im Mühlviertel, aber gepaart mit Atommacht, Universität und dem Bewusstsein, die wichtigste Nation auf Erden zu sein. Und das eigentlich - nach dem Sieg über Hitler - mit Recht. Diese ganze Welt des jüdischen koscheren Fleischhauers, der im Alter durchdreht, das Kleben auch des Sohnes an seiner Herkunft, den Werten des Alten, gegen die er trotz Empörung nicht rebelliert. Die völlig fehlschlagende Revolte auf der Uni, dann der Krieg, blutig, kurz, blöd und unnötig, in dem er geschlachtet wird wie die Hühner in der Fleischerei des Vaters. So knapp erzählt, und doch so deutlich. Macht ihm derzeit keiner nach.
Anna Seghers: Das siebte Kreuz. Eine Flucht aus dem KZ wird geschildert. Romanhaft, fast ein Abenteuerroman. Die Hauptfigur überlebt als einzige diese Flucht, durch eine Ansammlung von Zufällen und durch ein gerade noch funktionsfähiges Netzwerk an Widerständlern. Sehr schönes Deutsch und die spannende lebensnahe Schilderung machen dieses Buch zu einem Lesetipp für viele. Immerhin ist es der Autorin schon 1962, also vor der großen Anklage gegen die alte Generation gelungen einen Faden zur deutschen Nazi-geschichte zu knüpfen - indem sie das Deutschland des Widerstands zeigt. Die extreme Last des Alltagslebens in der Diktatur wird eindringlich heraufgerufen, das Misstrauen aller gegeneinander wiewohl sie Freunde wären etc. Fast ein Urlaubsbuch, und das ist auch die Schwäche, die das Buch aus heutiger Sicht ankränkelt: aus dem KZ einen Abenteuerroman zu machen. Aber das ist die heutige Sicht, und die war in dieser Zeit noch völlig stumm und darnieder.
Beckett: Mal vu mal dit. Schlecht gesehen, schlecht gesagt. Ein gleichnishaftes Stück, fast Theater obwohl nur Fließtext, ein inneres Theater ohne Bühne draußen. Es entsteht vielmehr im Leser die Bühne. Figuren: der Autor, der Leser, eine Alte Frau deren Vorhandensein stets ungewiss ist (Witwe, schwarz), 12 Männer am Horizont, vielleicht auch Bäume, die aussehen wie Männer, jedenfalls Bühnenbild. Es werden keine Menschen mehr sein, die, die noch existieren veratmen die letzten Sekunden, aber vielleicht ist da noch ein bisschen Glück.
Andre Gide. Die Falschmünzer. Ein nicht sehr spannender, aber facettenreicher Roman aus Paris Anfang des 20.Jh, starke Figuren, die Moral von der Geschicht, dass hauptsächlich mit Gefühlen und Einstellungen gespielt wird und wenig davon wirklich authentisch ist, liest sich glatt. Dann auch die faktische Falschmünzerei der Kinder dazu. Trotzdem ein engagiertes Buch. Mir macht es Lust auf seinen Freund Valéry.
Handke. Winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien. Ein schöner Reisebericht, forcierter mündlicher Erzählton, noch vordrängender als in der morawischen Nacht. Der politische Teil ist der Aufregung um ihn nicht wert. Eine schlichte Stellungnahme gegen den Mainstream ohne große politische Analyse mit dem Blick auf die einzelnen Erlebnisse, Menschen, Vorfälle, die so unschuldig sind wie immer und mit der großen Katastrophe ebenso verbunden wie die in Kroatien, Bosnien, Slowenien und Österreich. Seine Lieblingssätze aus dem österreichischen: "Da hättest du früher aufstehen müssen" und "Was weiß ein Fremder"
Friederike Mayröcker. Paloma. Suhrkamp 2008. Ausnahmsweise guter Klappentext, auch das Zitat auf der Rückseite: "... die Gravour dieses Lebens, von abgrundtiefer Schönheit, die Extreme zerreiszen mir das Herz usw." wieder ein gelungener Text, der sich an die vorherigen gut anlegt, ihre Bücher, ihre Freunde, ihr Alltag. In hoher Sprachkunst ein Alltag wiedergegeben, freilich ein Besonderer, aber welcher wäre es nicht?, wie Dürers Wiesenstück.
Handke. Die morawische Nacht. Feinsinnige Verwendung von Sprache zum Erzählen. Nachempfunden dem wie einer redet, und keineswegs einem Lehrbuch über gutes Deutsch, wiewohl ihm, Handke alles zum besten Deutsch gerät das ich kenne, aus unerfindlichem Grund. Gegen Schluss lässt er dann auch einen Schreiberkollegen zu Wort kommen, der ihm von der Sprache der heutigen Presse und der flotteren Erzähler kommt, der aber ganz zum Schluss ziemlich abblitzt. (Der Artikelschreiber) Der Erzähler kreist herum in Zentraleuropa und vermisst den Balkan, das alte Jugoslawien, für das man sich nicht einsetzen darf, wenn man nicht als Verweigerer der Realität da stehen will. Gleichzeitig darf man aber ein einiges Mitteleuropa inklusive zukünftig beigetretener Nachfolgestaaten denken - Fazit es ist das balkanische an Jugoslawien, das verschwinden soll. Und hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, und, wie er sagt, selbst wenn es gesprochen wäre, wer könnte sagen, dass es wahr gewesen wäre. Ein genussvoll langsames Buch, das in einem Erzählstrom treibt und in dem Menschen von Reisen und darin von sich und ihren Innenräumen sprechen, wobei, und das ist interessant, die Außenwelt einen großen Beitrag leistet.
Cremer-Schäfer, Helga; Steinert, Heinz Straflust und Repression Zur Kritik der populistischen Kriminologie. - Münster: Westphälisches Dampfboot 1998 Nach einer Einleitung über den Opportunismus der Kriminologie, auch der kritischen, die immer dazu da bleibt ein Wissen aufzubereiten, das die Herrschaft dann nützt um ihre Ausschlussmechanismen besser einsetzen zu können, kommt ein sehr spannendes und irritierendes Kapitel über die Allianz des Systems „Verbrechen & Strafe" mit dem System „Schwäche & Fürsorge". Letzteres bildete sich in den 20er Jahren heraus und fungierte als Deutungsmuster und Regulativ für gesellschaftliche Konflikte. Es personalisiert Mangelsituationen, wirkt scheinbar inklusiv, in Wirklichkeit aber klassifizierend. Ein Apparat an der Grenze zur Ausschließung, dort ohne einsehbare, übersichtliche Normen unterwegs und durch ihre Mischung aus Einschluss, Ausschluss und Kontrolle wirksamer als das System „Verbrechen & Strafe". Die Zuschreibung von Schwäche verbindet sich nicht nur mit Hilfe und Kontrolle, man verbreitet „Bedrohungsgeschichten" mahnt einen sorgenden Staat ein und befördert damit indirekt ganz andere Interessen. Die Autoren fahren mit Geschützen auf: Die Kategorisierung in Asoziale und Verwahrloste usw brachte neue Stigmen auf die Bühne und gab etwa der nationalsozialistischen Politik der Ausschließung einen guten Begriff um ihre Endlösung der sozialen Frage umzusetzen. Das Buch hat eine sehr revolutionäre Tonlage, im Wechsel der beiden Autoren entsteht ein gegenseitiger Zuruf und Aufruf, ein politisches Aufrütteln, manchmal mit ein wenig Ironie unterlegt, aber ohne Selbstironie, manchmal mit sehr klassischen Bezügen (Adorno wird gern und ohne Angabe, sozusagen brechtisch zitiert). Ein Kapitel widmet sich der Nutzung des Gewaltbegriffs in Medien und Politik und zeigt die dahinterliegenden Interessen auf. Ein anderes räumt mit der Kriminologie auf und fordert sie auf zuzugeben, dass keine Kriminalisierung auf rationaler Grundlage erfolgen kann. (so lange unsere Gesellschaften absichtlich weiterhin die Idee der Gleichheit und die Reproduktion der Ungleichheit betreiben können wir doch nicht verurteilen, wo wir doch wissen, dass weder Kriminalisierung noch Strafe was nützt können wir sie doch nicht dauernd betreiben!) (190) „Wie ist es möglich ohne Schuldgefühl zu kriminalisieren?" Wir wundern uns wie Täter die Gesetze die sie kennen dennoch übertreten können. Wie sie es schaffen, bestimmten Menschen in bestimmten Situationen plötzlich die Empathie zu verweigern. Was Staatsanwalt und Richter tun ist unter dem Vorzeichen der Rationalisierung aber dasselbe Phänomen. Cremer Schäfer zitiert an dieser Stelle Troy Duster, der sich mit den Bedingungen der „Außerkraft-Setzung" von allen Geboten der Kriegsführung im Vietnamkrieg (My Lai) beschäftigte. Wieder ein starkes Geschütz! Kriminologie hat einen Gegenstand, der durch die Kulturindustrie stark vorgeformt ist. Die Arbeit mit diesen Menschen ist dann oft weniger spannend. Da man sich aber immer auf beiden Feldern bewegen muss ist darauf zu achten, dass man keine Menschenopfer zugunsten der Unterhaltung (Wahlkämpfe) bringt. Die großen Begriffe mit denen im Interesse dieser Kulturindustrie hier gearbeitet wird sind ungeeignet für das wirkliche Bearbeiten des Problems. „Gewalt" „Verbrechen" etc werden nie gut genug verwendbar sein um etwa von Kindesmisshandlungen in Hamburg und Kriegshandlungen in Bosnien, im Irak gleichzeitig zu reden - oder von Hinrichtungen in Texas und Skinheadprügeleien in Leipzig. Das fördert die Abstraktion von den realen Leuten und erleichtert dadurch die Forderung nach Bestrafung und Verfolgung. Man denkt eben nicht über die Leute nach sondern nur kategorial über was Abstraktes.
Jaak Panksepp: Affective Neuroscience. Mit dem allergrößten Lesevergnügen und einem Wissensdurst wie schon lange nicht habe ich Kapitel für Kapitel verschlungen. Aufregende Erkenntnisse über unsere emotionale Welt direkt aus dem Gehirn. Ohne Anmaßung vorgetragen, mit genügend Fleisch an den Hypothesen, Vermutungen werden als solche gekennzeichnet, die Experimente die zum bisherigen Wissensstand geführt haben in knappen Schilderungen erklärt. Ein hervorragendes Buch, für Psychologen die wissen wollen, was die Hirnforscher herausgefunden haben ein tolles Buch, da es nicht nur informativ sondern auch für nicht-Hirnphysiologen aus verwandten Disziplinen gut lesbar ist. Panksepp nimmt den Leser mit in seine Welt und er lässt uns Teilhaben an seiner eigenen Begeisterung für das Gehirn. Übrigens: nicht nur für das menschliche sondern viel allgemeiner - für das Säugetiergehirn und auch seine Vorläufer. Eine erstaunliche und während des Lesens immer stabilere werdende Erkenntnis ist, dass fast alles, was uns wichtig ist: Glück, Freude und Schmerzfreiheit beispielsweise, für die meisten Tiere ebenso gilt. Der Unterschied durch verschieden starke kognitive Einflüsse auf das Wahrnehmen und Handeln soll nicht klein geredet werden, aber die basics des Wohlbefindens oder des Unwohlseins in der Welt haben wir Menschen nicht allein.
Roudinescu / Derrida: Woraus wird morgen gemacht sein. Derrida ist ein Auflösungskünstler. Er bringt alles wieder in Bewegung. Strafrecht, Kriminologie, Psychoanalyse, alles bleibt neu zu entfalten (S. 209) Er löst Grenzen auf, die zu schnell fixiert waren, bestreitet dabei aber deren Notwendigkeit nicht. Er will solche Grenzen: Mensch - Tier, gut - schlecht, Strafmittel die legitim und illegitim (Todesstrafe) sind. Aber er betont, dass wir sie nicht haben. Sein Umgang mit Begriffen ist beeindruckend - hier ist die Verwandtschaft zu Mayröcker so stark! - er ist genau, drischt keine Phrasen, sein Ton ist immer vom Interviewer gut unterscheidbar, weil die gewohnten Begriffe, die sich bei bestimmten Themen einstellen, nur die Interviewerin verwendet, er nie. Die Kultur hat keine Identität sondern ist Trägerin einer Differenz (l'autre cap). Von Freiheit will er nicht reden, sondern lieber von einem Überschuss an Komplexität. Der Begriff selber ist ihm von metaphysischen Voraussetzungen zu sehr belastet von einem egologischen Subjekt. Der Überschuss ist das nicht Berechenbare, das Unvorhersehbare, wo wir duch das Andere, das Ereignis, affiziert werden. Die Kunft des Anderen die meine Verantwortung aufruft - vor meiner Freiheit. Von Freiehit einer Entscheidung ist nur die Rede wenn zwischen meinem Wissen und meiner Entscheidung ein Sprung ist "eine Entscheidung des Anderen in mir" eine passive Entscheidung, die mich dennoch von keiner Verantwortung entlastet. (89 - 95) Auf S. 271 lässt Derrida bei der Besprechung der Unmöglichkeit von gelingender Trauer (263) und dann über die Möglichkeit das Unverzeihliche zu Verzeihen den Satz vom Grund einfach zerplatzen, bloss weil ein paar Überlegungen die Berechenbarkeit der Vernunft übersteigen. Alles wird unter seinen Fingern zur Aporie. "Man braucht das Wissen, aber man muss auch Wissen, dass ohne irgendein Nicht-Wissen nichts geschieht, das den Namen Ereignis verdient."
Stephen Jay Gould: Illusion Fortschritt. (Full house). Sehr flapsig hingeschriebenes Buch mit einer knappen Folgerung: der Glaube es sei das Leben auf diesem Planeten fortgeschritten vom Bakterium zum Menschen ist irrig. Der Mensch führt am kleinen rechten Schwanz einer schiefen Verteilung eine vernachlässigbare und vergängliche Existenz. Hauptbiomasse sind Bakterien. Immerhin erklärt er Baseball im Schnellsiedekurs. Die Ausweitung der Verteilung nach links verdankt sich der linken Wand, da es keine Tendenz zu weniger Komplexität geben kann von den Prokaryonten weg.
Radetzkymarsch von Joseph Roth. Sein Deutsch gefällt mir sehr. Die Geschichte verspricht vielleicht anfangs mehr, aber es gibt wieder ein Steinchen zum Bild für den 1.WK. Man hatte Angst vor dem deutlich spürbaren Zusammenbruch der Monarchie und dem damit verbundenen System an sozialen Rollen. Die aufkeimende Demokratisierung konnten nur wenige als ausreichend Halt gebend empfinden, wenn sie doch Hoffnungsträger war. Schließlich schien der Krieg ein Ausweg um das alte System zu stärken.
Philip Roth. Exit Ghost. Gewohnte erste Qualität. Eine Begeisterung für fiction die man als Leser noch mitbekommt. "that amplification, evolving uncertainly out of nothing, constitutes the only assurance, and the unlived, the surmise, fully drawn in print on paper, is the life whose meaning comes to matter most" (244) Natürlich wieder viel übers Altern
Philip Roth: Everyman. London. Jonathan Cape. 2006. Ein ungeheuer produktiver Autor, der hier wieder einmal sich ein Lebensgefühl vom Leib zu schreiben scheint. Ein schwarzes Buch übers alt und krank werden. "old age isn't a battle, it's a massacre." "a motionless cipher angrily awaiting the blessing of an eradication that was absolute. The knowledge that you are born to live and you die instead."
Updike: Sucht mein Angesicht. Sehr gute Schriftstellerei, manchmal weit hinaus ins bisher Ungesagte. Bleibt das Gefühl, einer etwas zu schönen Romankonstruktion gegenüber zu sein. Perfekt freilich, aber sehr gewollt.
Franz Werfel: Die 40 Tage des Musa Dagh. Ein hervorragendes Buch. Braucht sich weder vor Joseph Conrad noch vor Thomas Mann verstecken.
Foucault (die Anormalen). Das Justizsystem als Technik der Selbstorganisation der Gesellschaft. Disziplinierungstechnik für alle. Eigenartigerweise von den Meisten auch vehement gefordert. Eine "Normalisierungsmacht" sagt er, kolonisiert das Gericht und die Medizin, stützt sie dabei beide, wird aber nicht abhängig von ihnen. Diese Macht wird zusehends souveräner. Aus den Urteilen und vor allem aus den Gutachten (Diskurse, die töten können, Wahrheitsanspruch erheben und zum Lachen bringen) spricht die Macht aus Subjekten Objekte einer Normalisierungstechnik zu machen. Dabei spielt das Zusammenkommen der Frage nach Zurechnungsfähigkeit mit der nach Schuld eine Rolle. Die Transformation des Regierungsbegriffs (Handhabung der Kinder) und die des Willens in die Form unserer Demokratie. (70) eine tolle Analyse. Ebenso die der Machttechniken die mit der Lepra und mit der Pest verbunden sind
Lenz: Deutschstunde. Ein etwas sprödes Buch aber eine interessante Gesamtkonstruktion. Die Pflichterfüllung im Naziregime, die gegen das Regime. Die im Unterricht geforderte, von ex-Nazis betriebene, die Pflicht einen solchen Roman zu schreiben. Ein paar Stellen: "Ich erzähle nicht von irgendeinem, sondern von meinem Ort, suche nicht nach irgendeinem Un-glück, sondern nach meinem Unglück, überhaupt: ich erzähle keine beliebige Geschichte, denn was beliebig ist, verpflichtet zu nichts." (241) ", da ich ihn nicht unkenntlich machen will durch zu viel Beschreibung, will ich hier nur feststellen, ...." (352).
Philip Roth: Plot Against America
Wieder ein unglaublich starkes Stück von Roth. Wohl nicht ganz zufällig vor der Wahl in den USA erschienen. Fiktiv wird Charles Lindbergh zuerst Kanditat der Republikaner, dann Präsident und kooperiert mit den Nazis. Schleichend setzt sich auch in den USA ein Antisemitismus durch. Dies alles aber nicht wie bei Orwell in einem drastisch-utopischen Ton und von außen betrachtet sondern von eine Ich-erzähler der noch Kind ist in Newark. Das kann Roth wie kaum ein zweiter: komplizierteste Fiction mit einer ganz eindringlichen und empathischen Innenperspektive eines Menschen beschreiben. Bin schwer beeindruckt.
Jacques Derrida: Die Seelenstände der Psychoanalyse.
Sommer 2000: Derrida spricht vor den Etats generaux de la Psychoanalyse in der Sorbonne. Er beginnt mit dem Begriff Grausamkeit. Dem Wunsch sich oder andere Leiden zu machen in allen Varianten um dem eine Lust abzugewinnen. Sie ist ohne Zweck. Vielleicht nicht ohne Gegenteil. Da sind wir schon mittendrin. Die Reflexion über die psychische Lust an der Grausamkeit ist das Thema mit dem Derrida die Generalstände der Psa grüßt. Wenn es im Leben des lebendigen Seins (1) die irreduzible Möglichkeit zur Grausamkeit gibt, dann kann kein religiöser, metaphysischer, genetischer, ... Diskurs sich dieser Hypothese öffnen. Zum ganzen Besprechungstext geht es hier weiter
Margriet de Moor. Kreutzersonate. München 2002. dtv. Schön geschrieben, eine schlanke Liebesgeschichte um einen blinden Musikkritiker und seine zwei Frauen. Eine hat ihn verlassen, worauf sich er fast umbrachte, die Andere wollte er dann umbringen. Der Rest: Janacek, Flughäfen.
Sabine Bode: die
vergessene Generation. Ein tolles Buch über die Folgen der Nöte der Kriegs-
und Nachkriegszeit in Deutschland. Folgen,
die zum Gutteil am Beispiel von Personen geschildert werden, die damals Kinder
waren. Vergessen scheint der Autorin die Generation, weil ihr Leid wegen der
Übermacht der deutschen (und österreichischen) Schuld unerwähnt blieb –
zumindest in der Literatur. Jede Erwähnung des Leids erweckte schnell den
Verdacht des Kleinredens der eigenen Schuld. Schlichtes Fazit: Leid ist Leid
und soll nicht verdeckt bleiben, - egal was der Grund sein mag. So zu tun als
täte das nicht weh, was in Aufrechnung eigener Taten womöglich als gerechte
Vergeltung angesehen werden sollte führt ebenso zu einer Verleugnung. Und die
tut nie gut.
Nagib Machfus: die
Reise des Ibn Fattuma.
Ein sehr altmodisch - orientalischer Roman. Ein
Reisender lernt verschiedene Kulturen kennen, die ein wenig platt
verklausuliert einigen verschiedenen Kulturen der Welt entsprechen. Sogar der
gute alte Sozialismus in einem Lande darf da noch vorkommen. In jedem Land
passieren bilderbuchförmig ähnliche Dinge. Mir war es ein wenig zu
schablonenhaft, die Wirkung auf den Leser zu sehr durchschaubar vorausgeplant.
Murakami Kafka am Strand. Recht spannend, aber Fantasy ist nicht mein Faible. Literarisch eher bemüht.
Potter für Junggebliebene.
Arnon Grüberg: Phantomschmerz. Ein sehr flottes und herrlich böses Buch über die Beziehungen eines Schriftstellers zu seiner Frau und seinen Geliebten, die wiederum (fiktiv) von seinem Sohn aufgeschrieben werden. Der Humor erreicht manchmal Klaus Nüchternsche Ausmaße (wer diesen Autor ("Falter" in Wien) kennt, kann sic was vorstellen ...) es liest sich rasch, man weiß nachher nicht wozu man es gelesen hat, aber ich habe es gern gelesen. Dieses Problem kennt aber auch der Autor, weil er seine Hauptfigur genau mit so einem Vorwurf eines Kritikers konfrontiert: welche Notwendigkeit?
Patrick Modianos neues Buch: Die kleine Bijou hat mich sehr berührt. Eine schöne kleine Geschichte, zwischen den U-Bahnfahrten und den Besuchen in Kaffeehäusern entsteht viel Stimmung, man meint in Paris zu sein beim Lesen, aber auch die Innenwelt der beschriebenen Frau und die mysteriösen Umstände die am Anfang ihres Lebens standen und ihr zögerliches Handeln verständlich machen sind sehr plastisch. Daran hat die Übersetzung von Peter Handke wohl ihren Anteil.
Die zwei relativ neuen Bücher von Friederike Mayröcker,
Mein Arbeitstirol und Die kommunizierenden Gefässe, die meiner Wahrnemung
nach gleichzeitig aufgetaucht sind habe ich schon ausgelesen und war dabei
nicht zu bremsen - so gut sind sie! Aber ich bin schon lange ein Fan dieser
Autorin.
Der polnische Schriftsteller Andre Stasiuk ist mir
sehr eindrücklich in Erinnerung geblieben. Ich habe "Die Welt hinter Dukla" und "Die Mauern von Hebron"
gelesen. Zweiteres handelt von Gefängnisaufenthalten
eines jungen Mannes, das erste (im polnischen nur "Dukla"
genannt) von einer kleinen Ortschaft und den Geschichten und Beziehungen eines
Mannes dorthin. Beides sehr poetisch. Die Gefängnisgeschichte sehr dunkel, Dukla sehr hell und wie in einem diesigen Zwielicht. Ich
konnte mich beim Lesen überhaupt nicht entziehen, die Sprache zwingt den Leser
hinein in diese Welt. So was habe ich noch nie vorher erlebt.
Martin Dornes: Die frühe Kindheit
Dornes, der vor einigen Jahren mit seinem Buch über die Säuglingsforschung ("Der kompetente Säugling") einen guten Überblick über die wesentlichen Ergebnisse dieser jungen Disziplin und die möglichen Schlußfolgerungen geboten hat, legt nun ein Buch über die "Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre" (Untertitel) vor. Zum ganzen besprechungstext geht es hier weiter
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