Zurück zu den Literaturtipps Zurück zur Hauptseite Priechenfried
Sommer 2000: Derrida spricht vor den Etats generaux de la Psychoanalyse in der Sorbonne. Er beginnt mit dem Begriff Grausamkeit. Dem Wunsch sich oder andere Leiden zu machen in allen Varianten um dem eine Lust abzugewinnen. Sie ist ohne Zweck. Vielleicht nicht ohne Gegenteil. Da sind wir schon mittendrin. Die Reflexion über die psychische Lust an der Grausamkeit ist das Thema mit dem Derrida die Generalstände der Psa grüßt. Wenn es im Leben des lebendigen Seins (1) die irreduzible Möglichkeit zur Grausamkeit gibt, dann kann kein religiöser, metaphysischer, genetischer, ... Diskurs sich dieser Hypothese öffnen.
Psychoanalyse wäre der Name für das, was sich ohne theologisches oder anderes Alibi dem zuwenden könnte was der Grausamkeit ihr Eigenstes wäre. "ohne Alibi" wie es Derrida hier immer wieder nennt. Ohne moralische Vereinnahmung, ohne Leugnung durch Reduktion etc. Der dadurch entstehende Horizont ist ein Jenseits der Möglichkeit zur Grausamkeit, also jenseits des Jenseits des Lustprinzips. Ob dieses jenseits des Jenseits eine mögliche Erfahrung ist, ist unentscheidbar. Schon hier formuliert Derrida mehr als einen Gruß, es sind Hinweise an die Psychoanalyse, Desiderate, ihrer Bearbeitung harrend. Die Axiome von Ethik, Recht und Politik sind von ihr noch unberührt. Sie leisten ihr Widerstand, sie sind geschaffen, um ihr zu widerstehen. Dass die Psychoanalyse das nicht analysiert ist ihrem selbstimmunisierenden doppelten Widerstand zu verdanken, dem ihrer eigenen Organisation. Die Psychoanalyse hat die französische Revolution, und die Tage danach, mit den Themen Souveränität und Grausamkeit noch nicht gedacht. Die Generalstände der frz. Revolution bekamen Beschwerdenhefte. Die Psychoanalyse könnte sich selber solche schreiben und dann interpretieren, in Selbstanalyse, die Übertragung und die Gegenübertragung bearbeitend. Dieses große Amphitheater gibt es, aber noch ist es keine analytische Stätte.
Um von den "Wortfeldern" der Grausamkeit, der Souveränität und des Widerstands zu sprechen nimmt Derrida nun den Briefwechsel Freud-Einstein zur Hand. Einstein schlägt eine internationale Behörde vor, die in allen Fragen interntionaler Konflikte Recht sprechen und durchsetzen kann. Zugunsten dieser Behörde verzichten die Staaten auf ihre Souveränität. Diesem Gedanken widersetzen sich die Mächtigen in yen Ländern, die aus einem Grundbedürfnis heraus spontan Macht ausüben und die immer wieder rasch eine Zusammenarbeit mit jenen eingehen, deren Interesse auf Waffenherstellung und -handel gerichtet ist. Einstein unterstellt, dass die Mehrheit der Menschen sich der Macht dieser Gruppe hingibt, sogar bereit ist ihnen ihr Leben zu opfern, weil es im Menschen ein Bedürfnis gebe zu hassen und zu vernichten. Damit legt Einstein dem Psychologen was vor: ein Bemächtigungstrieb, der unvermeidlich grausam ist, und durch eine kontrollierende Behörde begrenzt werden soll. (hier unterbricht sich Derrida wieder einmal selbst und grüßt nochmals die Generalstände der Psychoanalyse. Er dankt den Männern und Frauen, die die Generalstände bilden. (?) dafür, dass sie in jeder Analyse das tun, was die Generalstände für die Revolution taten: "die Freisetzung einer wiedergefundenen Spontaneität, befreite Sprache, ein endlich zurückerstattetes Recht auf freie Rede, ein aufgehobenes Verbot, ein überwundener Widerstand. (...) Der Analysant würde damit eine Revolution auslösen, die erste Revolution vielleicht, die zählt, er würde virtuell seine eigenen Generalstände eröffnen und in ihnen all den Ständen, all den Stimmen, all den Instanzen des psychischen Körpers als eines vielfältigen sozialen Körpers das Wort erteilen. Ohne Alibi.(39f)
Derrida lässt nicht los, den Prozess dieser Einberufung von Generalständen in der Seele bei der je Einzelanalyse zu verbinden mit dem einer fälligen Einberufung in eine gesellschaftliche Entwicklung. Er vermisst die Selbstanalyse der Psychoanalyse bezüglich ihres In-Szene-setzens, auch über die Kräfte, Triebe und Wünsche jedes In-Szene-setzens selbst. Wie wird die Szene sein die die Psychoanalyse als Bezugspunkt ihrer Tätigkeit verwendet, wie wird sich das verändern, wenn es nicht mehr nur um griechisch-römisch christlich-jüdisch sondern um ein globalisiertes Territorium gehen wird? Wird die Globalisierung ohne Psychoanalyse und ohne mosaisches gelobtes Land vonstatten gehen? Die Selbstanalyse der Generalstände der Psychoanalyse wären ein Inszenieren, ein Theater, das dem Theater der Grausamkeit am ehesten ähnlich wäre. Welche Formen der Grausamkeit wären zu deuten? " Lassen sich denn hinsichtlich der Politik, der Geopolitik, des Rechtlichen und des Ethischen Konsequenzen ziehen aus der Hypothese eines irreduziblen Todestriebs, der untrennbar erscheint von dem, was man so dunkel die Grausamkeit, in ihren archaischen oder modernen Formen, nennt? Könnte es denn doch noch jenseits der Prinzipien, nach einigen Schritten weiter, ein Jenseits des Jenseits, ein Jenseits des Todestriebs und damit des Grausamkeitstriebs geben?"
Hier sind wir beim springenden Punkt. Derrida sucht eine Utopie, ein Jenseits des Verstricktseins in Grausamkeit, die sowohl Freud als auch Einstein als unvermeidliche Begleiter menschlichen Lebens (oder seelischen Lebens generell) sehen. Sie hat Ansatzpunkte in der Metamorphose des öffentlichen Raums der Zivilgesellschaft und des Staates. Hier gibt es noch keine verbindlichen Axiome, uns da sie nicht wieder (und jetzt interpretiere ich Derrida) metaphysisch oder (was dasselbe ist) monarchisch eingesetzt werden können, brauchen wir eine Analyse dessen, was wir wollen, worauf wir uns einigen. Hier gibt es noch keinen Konsens. Die Einberufung der Generalstände erfolgt durch eine beliebige Person oder Gruppe, die anschließend keine Regiegewalt mehr behält. Das Ergebnis ist ein Vater/Königsmord (Paregizid) der schon passiert ist, der der Analyse harrt und der Folgerungen, der Taten der performativen Akte in seiner Folge. Es geht in der Geschichte beider Revolutionen nicht mehr darum den Vater/König doch noch zu retten, wieder einzusetzen oder nicht, seinen Tod zu heiligen oder nicht, dieser Tod muss vielmehr zusätzlich zu beidem anderen gedacht werden! Der psychoanalytische Diskurs muss das Problem der Souveränität der Macht des Staates behandeln. Derridas Beispiel ist die Todesstrafe. Aber es muss drüber hinaus gehen um eine Gesetzgebung durch die Generalstände für sich selbst. Eine egalitäre und demokratische Autonomie, die wie jede Autonomie von der Heteronomie hergeleitet ist, von ihr kommt, von einem Gesetz des Anderen her. Ab hier geht Derrida wieder zur Politik und den Statements von Freud zur Grausamkeit, namentlich denen im Brief an Einstein und in " Zeitgemäßes über Krieg und Tod" über. Die Konvergenz von Psychoanalyse und Politik liegt in der Überwindung von Grausamkeit. Die Psychoanalyse spielt die Rolle der Wissenschaft. Es ist eine Illusion zu glauben, dass die Grausamkeit getilgt werden kann. Diese Logik Freuds läuft auf die Thesen Einsteins hinaus. Lässt sich aus der Logik der Triebe eine Ethik oder eine Politik induzieren? Es bliebe nichts übrig als sich mit diesem Triebleben zu einigen, eine indirekte Lösung zu suchen, nämlich die Liebe zum Leben dagegen antreten zu lassen. Es soll eine Diktatur der Vernunft gegen das Triebleben errichtet werden. Mit Hilfe einer an diesem Ideal orientierten Elite und der Verschiebung der unvermeidlichen Kräfte der Bemächtigungs- und Grausamkeitstriebe. Diese Aufforderung ist natürlich nicht genuin psychoanalytisch oder wissenschaftlich. Was das Triebleben des Einzelnen betrifft, hat jeder das Recht auf sein Leben, sein Triebleben. Vor dem Hintergrund der problematischen Grausamkeit darin entsteht die Frage nach dem Recht der Gemeinschaft am Leben des Einzelnen, die sich ja auch da stellt, wo ein Krieg vielleicht gerechtfertigt sein könnte, wie Freud meint. Der Todestrieb fordert jedenfalls die ganze Vernunft der Psychoanalyse heraus, besonders die Ökonomie. Seine Anökonomie muss immer wieder integriert werden in Modelle, wo seine Destruktion eine sinnvolle Teilrolle spielt. Derrida meint von hier aus, dass das überhaupt nicht möglich wäre, wenn es keinen Bezug zum Unbedingten gäbe. Das klingt wie alte Metaphysik. Es soll aber ein Unbedingtes ohne Souveränität sein, wiewohl sich der Gegenpol zur Grausamkeit, das Jenseits des Jenseits des Todestriebs gerade von dort her bestimmt. Dieses Jenseits legt Wert auf das Leben, wie Freud es verlangt, aber auf ein anderes als das dieser Ökonomie des Möglichen, das Freud als einzige Möglichkeit sieht, sondern auf ein Un-mögliches Leben, ein Über-Leben wie es Derrida wohl im Sinne von Nietzsches Über-Mensch nennt. Derrida bringt noch ein paar "Figuren des unmöglichen Unbedingten "um dieses Bild zu festigen. Figuren wie Gastfreundschaft, Gabe, Verzeihung. Immer kommt dadurch etwas Unvorhersehbares und Neues auf einem zu, etwas Anderes, zu dessen Erfahrung man sich gerade als Psychoanalytiker ja gut vorbereitet haben sollte. Die Instanzen mit denen die Psychoanalyse diese Revolution vorbereiten wären Konstative, die das Wissen zum Psychischen bereithalten und Performative, die darüber hinaus die Verantwortung übernehmen, wenigstens ihr eigenes Recht, ihre Normative, Satzungen, Institutionen zu finden. Eingedenk des Wissens vom Wunsch leiden zu machen, grausam zu sein, aber auch eingedenk der Transformationen, die sich im sozialen Feld etc abspielen muss sie handeln. Das lässt sich nur "eingedenk" wenn man Derrida folgt, da der Sprung (die Diskoninuität) zwischen der Verantwortungsübernahme (Freiheit des Subjekts in der Tradition, seine Chance, eine verletzende oder verletzte Chance) und dem Wissen bleibt, wie der zwischen der des Mundes der spricht und der Wunde die blutet. Sollte diese Welt des Unmöglichen hier einbrechen, so brächte sie alles wieder durcheinander, aber als heteronomes und unbedingtes Kommen des Anderen ist sie unvorewegnehmbar, rätselhaft wie Derridas Schreiben an solchen Stellen. Manchmal klingt es wie Adornos Licht, das von der Erlösung her auf die Welt scheint. (Minima Moralia S.333)
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